Was ist Pharmakogenetik?

In unserem Körper ist ein hochkomplexes Enzymsystem dafür verantwortlich, dass unser Körper die Wirkstoffe von Medikamenten aufnimmt, umwandelt und wieder abbaut (ausscheidet). Minimale genetisch bedingte Veränderungen der Enzyme können die Reaktion auf ein Arzneimittel erheblich beeinflussen. Dies ist der Grund warum das gleiche Medikament bei verschiedenen Personen oft ganz unterschiedlich wirkt. Die Folge sind Unter- bzw. Überdosierungen von Wirkstoffen und somit fehlender Therapieerfolg oder Nebenwirkungen.

Die Pharmakogenetik befasst sich mit genau diesen genetisch bedingten Unterschieden in der Reaktion auf Arzneimittel. Ziel ist es, die von Mensch zu Mensch unterschiedliche Funktionsweise seiner Enzyme sichtbar zu machen.

Das ist der Grund, weshalb bei nur 30% der Patienten auch wirklich die erwünschte Medikamentenwirkung eintritt und bei über 25% der Patienten Nebenwirkungen auftreten.

Was wird getestet?

Bei einem pharmakogenetischen Test werden einzelne Basenpaare analysiert und auf genetische Mutationen kontrolliert, die in der Fachsprache als SNPs (= Einzel-Nukleotid Polymorphismen, ausgesprochen wie „snips“) bezeichnet werden. Diese sind keine Seltenheit (bei über 90% der Menschen) und auch nicht immer nachteilhaft, bestimmen aber unter anderem für die Aktivität von Enzymen (Phänotyp). Je nach Art und Anzahl der Mutationen werden Medikamentenwirkstoffe schneller oder langsamer umgebaut (metabolisiert). Um Über- oder Unterdosierungen zu vermeiden, muss die Dosierung dementsprechend angepasst werden.

Welche Information erhalte ich?

Der Nutzen einer pharmakogenetischen Analyse ist einfach erklärt: je präziser die Dosierung eines Medikaments, desto optimaler der Therapieerfolg und desto minimaler die Nebenwirkungen durch Überdosierungen oder Medikamenteninteraktionen!

Als Zusatzinformation zur traditionellen Verschreibung (Alter, Körpergewicht, Konstitution, Lebensweise und Geschlecht sowie Nieren- und Leberfunktion) gibt die Kenntnis des individuellen Phänotyps Aufschluss darüber, ob die Dosierung eines Medikaments angepasst werden sollte bzw. ob überhaupt auf einen alternativen Wirkstoff gewechselt werden sollte.

 

Man unterscheidet hier zwischen vier solchen Phänotypen:

Poor Metabolizer: keine Aktivität des Enzyms. Gefahr von Nebenwirkungen durch zu hohe Wirkstoffkonzentration im Blut, alternative Medikamente sollen zur Anwendung kommen. Bei Prodrugs kann der Wirkstoff nicht aktiviert werden, es gibt daher keine Wirkung.

Intermediate Metabolizer: reduzierte Aktivität des Enzyms. Dosierung von Medikamenten sollte angepasst werden.

Extensive (Normal) Metabolizer: normale Aktivität des Enzyms. Dosierung von Medikamenten (und Prodrugs) kann entsprechend der Zulassung verschrieben werden.

Ultra-Rapid Metabolizer: sehr hohe Aktivität des Enzyms. Wird das Medikament durch das entsprechende Enzym abgebaut, kommt es dadurch zu einer geringeren Wirkstoffkonzentration im Blut und es besteht die Gefahr, dass das Medikament nicht oder zu wenig wirkt. Alternative Medikamente sollen zur Anwendung kommen. Achtung bei Prodrugs, die bei diesem Phänotyp zu stark aktiviert werden.

Anwendungsgebiete der Pharmakogenetik

Die Berücksichtigung individuell unterschiedlicher Reaktionen auf Medikamente ist grundsätzlich für jedes medizinische Fachgebiet zu empfehlen. Besonders wertvoll erweist sich der Einsatz pharmakogenetischer Analysen bei Medikamenten folgender Kategorien:

  • Analgetika/ Antirheumatika (Schmerzmittel)
  • Antibiotika/ Antiviralia/ Antimykotika (Behandlung von Infektionskrankheiten)
  • Antidiabetika
  • Antihypertensiva (Behandlung von Bluthochdruck)
  • Antikoagulanzien (Blutverdünner)
  • Cytostatika (Chemotherapie)
  • Protonenpumpenhemmer (Magenschutz)
  • Psychopharmaka/ Antidepressiva
  • Statine (Cholesterinsenker)
  • Urologika